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Hanf und seine Geschichte an der Saar

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von Patric Bies, erschienen im Saarländischen Hanfmagazin anlässlich der "Hanftage" September bis Oktober 1995

Vielen Anhängern von nachwachsenden Rohstoffen ist weniger bekannt, welche wichtige Funktion Hanf in den letzten 2000 Jahren für frühere Generationen in Mitteleuropa erfüllte. Nicht zuletzt, weil frühe Zeugnisse darüber fast vollständig fehlen. Auch im Gebiet des heutigen Saarlandes spielte der Hanfanbau bei der bäuerlichen Selbstversorgung eine große Rolle. Da hier im ausgehenden Mittelalter weder Papierzerzeugung noch Buchdruckerkunst blühte, können wir davon ausgehen, dass sein Nutzen, neben den begehrten Öl- und Seilprodukten, sich in erster Linie auf die Stoffherstellung beschränkte. Die Saarregion befand sich dabei abseits der eigentlichen Tuchmacherstädte Luxemburg, Trier, Speyer oder Frankfurt. Wir können auch davon ausgehen, dass später der Hanf sogar als preiswerte Alternative von Tabak genutzt wurde.

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So blühte in erster Linie Hanf auf den bäuerlichen Anwesen als nachwachsender Rohstoff. Das Verarbeiten von Hanf bzw. seiner Fasern gehört zum Alltag: nach dem der Hanf Anfang September gemäht wurde, band man ihn anschließend, ließ ihn trocknen. Durch das „Riffeln“, auch „Raufen“ genannt, wurden die öl- und faserliefernden Teile getrennt. Die faserhaltigen wurden nun zum „Rösten“ (zum Rotten) gebracht. Dazu breitete man sie auf der Erde aus und wartete, dass der Tau, Regen und evtl. Gießwasser in Verbindung mit der Sonne die weichern Stängelteile zerstörten. Allerdings durften die Stängel nicht faulen. Dies dauerte circa vier Wochen. Damit waren die vorbereitenden Arbeiten abgeschossen. In der „Brechkaul“, inzwischen war Spätherbst, gewann man die eigentliche Rohfaser. Dazu hatte man die Stängel auf einem Rost über qualmendem Feuer zum Trocknen ausgebreitet. Die Hitze machte die Stängelholzteile mürbe und weich. Die Faser ließen sich mit der „Brech“ von Holzteilen lösen. Dies verlieh ihnen ein zerfetztes Aussehen. Alle weiteren Arbeiten konnten die Bauern nun im Hause ausführen. Holzige Teile, so genannte Schäben, die noch an den Fasern hingen, entfernet man, indem ein Flügelrad, „Schwinge“ genannt, mit Schwung dich an der Kante eines Brettes vorbei ging, auf dem die Hanffaser lag. Mit einer „Reib“ entfernet man nun letzte Spuren von feinsten Holzsplittern.

Bevor es nun zum Spinnen ging, wurde noch „gehechelt“, d.h. auf einem Holzgestell hatte die Bäuerin die Hechelzähne in die Faser eingeschlagen und sanft durchgezogen. Die langen Fasern konnten mit einem Spinnrad zu Garn versponnen werden. Die kurzen blieben in den Zähnen hängen. Sie waren minderwertige Ware, Werg oder auch Hede genannt. Um jetzt weben zu können, musste das gesponnene Garn nur noch mit einer „Haspel“ aufgewickelt werden.
Eine Inventarliste aus dem Jahr 1782, den Nachlass des verstorbenen Bauern Johann Schmitt aus Schiffweiler betreffend, gibt uns einen kleinen Einblick über die die Gegenwärtigkeit von Hanf, der im täglichen Überlebenskampf der saarländischen Bauern des 18. Jahrhunderts eine große Rolle spielte. Unter anderem wird aufgeführt: „3 hänfene Servietten, 2 hänfene Handtücher, fünf hänfene Tischtücher, zwei hänfene Leintücher, 1 gut hänfen Leintuch, 18 Pfund ungehechelter Hanf, 3 Faß Hanfsamen, 2 Spinnräder, 1 alter Haspel und 2 Brechen, 3 hecheln, 2 Webstühl sowie 2 Radkämm.“ 1

Eine Berufsstatistik von 1764 besagt, „dass allein im Ottweilerischen 158 Leinenweber arbeiteten, von den der größte Teil auch Ackerbau trieb“.2 Die Stoffe produzierten sie nebenher.

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Jahrhundertelang bestimmten nicht ausschließlich Zweckmäßigkeiten die Kleidung, sie stellte vielmehr eine Form des Wohlstandes dar. Neben der Wäsche war sie ein Hauptbestandteil der Mitgift bei Gründung einer Familie und ein besonders begehrtes Geschenk bei Hochzeiten. Aus der Zeit der Hanfverwertung in den bäuerlichen Anwesen sind uns heute noch unzählige Dialektwörter bekannt, von denen kaum jemand noch die Herkunft erahnt. Beispielsweise musste das gesponnene Garn sehr schnell auf eine Haspel aufgewickelt werden. Leicht konnte man sich dabei „verhaschbeln“, denn dann entstand ein Wirrwarr; man wurde ganz „worres“. Der Begriff: „Die liehn, daß sich die Balke biehn!“ entstammte ebenfalls aus der zeit der mühseligen Fasergewinnung.

Aber nicht nur für den Eigenbedarf wurde angebaut: „In Wallerfangen verzollt am 15. Mai 1451 ein Heinrich von Liestorff zwei Zentner Hanf“3. Dieses frühe Zeugnis lässt schon einen gewerbsmäßigen Handel mit Hanf oder seinen Fasern vermuten, besaß schon Wallerfangen in dieser Zeit eine (Tuch-) Walkmühle und existierte dort bereits eine Weberzunft. Roden, Saarbrücken, Beckingen, Merzig, Neunkirchen, Köllerbach, Bettingen, St. Wendel waren ebenfalls Orte der Tuchherstellung, und die Abtei Mettlach hatte nachweislich im 16. Jahrhundert Einkünfte aus Erträgen aus gesponnenen „Henff Werck“, die von Frauen verarbeitet wurden, „deren Zunamen auf orte der Umgebung verweisen: Büdingen, Dreisbach, Schwemlingen, Mettlach“.4

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Eine Pflanze als Namensgeber

Flurnamen zeugen heute noch von ehemaligen Schwerpunkten des Hanfanbaus wie etwa „Hanfgewann“ in Bachem oder „Hanfgären“ in Saarhölzbach oder Saarbrücken-Burbach (1686 erstmals urkundlich erwähnt), „Hanfdell“ in Schiffweiler, „Im Hanfgarten“ in Eppelborn und Fürstenhausen oder die „Brechkaul“ in Oppen. Selbst in Saarbrücken, St. Johann existierten 1694 „Hanffelder“. In St. Arnual besaß das Stift 1761 einen „Hanfgarten“.5 Es gibt wahrscheinlich hunderte von Flurbezeichnungen, die auf den Anbau bzw. Weiterverarbeitung von Hanf alleine im Saarland hindeuten.
So nannten die Menschen des 16./17. Jahrhundert den Nikolausmarkt in Merzig nach den wichtigsten Produkten, die hier zum Angebot kamen, nämlich „Hanfmarkt“.6

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Eine fiskalpolitische Einnahmequelle

Es war jahrhundertelang üblich, dass Hanf einer Besteuerung unterlag. Die Untertanen des Fürsten Wilhelm Heinrich von Nassau Saarbrücken mussten um 1750 sich von dem zehnten Teil der Hanfernte trennen. So hing am Original-Haken des vor ein paar Jahren restaurierten Saarkranes jahrzehntelang auch häufig Hanf. Für den in ständiger Geldnot sich befindlichen und daher immer nach neuen Einkommensquellen suchenden Fürsten, stellte der mit Saarkähnen in Saarbrücken ankommende Hanf und seine Folgeprodukte eine wichtigen Einnahmequelle dar. Übrigens, wurden die Kähne mittels Hanfseilen vom Ufer her gezogen. Seit dieser Zeit nennen wir den schmalen Weg entlang der Saar „Leinpfad“.

Aus der Grafschaft Blieskastel wird uns etwa um 1780 berichtet: „Flachs wird nur noch in (Blies-) Mengen-Bolchen angebaut, Hanf dagegen noch in der Hälfte aller Orte; das Geamterzeugnis ist durchschnittlich auf ein Haus 13 Pfund Gespinstfaser, was aber längst nicht zureicht; denn im Schloß verspinnen drei Damen allein im Jahr 200 Pfund; Marianne (Reichsgräfin Marianne von der Leyen, P.B.) gibt zum verspinnen an willige Frauen aus im Jahr 2.000 Pfund. Den Hanfsamen bezieht man zentnerweise aus der Vorderpfalz…“ und zwar von „Gänglern‘ (fahrenden Händlern P.B.). Auch in Zwerchsäcken, Kisten, Schubkarren und Kötzen (Rückenkorb P.B.) schleppten sie ihre Zwiebeln, ihren Hanfsamen Gartensamen u. dgl. Aus der Vorderpfalz aus Dusemont und aus Wallerfangen herbei“.7

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Trotz seines vielseitigen Nutzens verlor der Hanfanbau im 19. Jahrhundert zunehmend an Bedeutung. Dafür gab es vornehmlich zwei Gründe. Zum einen trat Hanf aufgrund technischer Erfindungen in den Hintergrund, z.B. konnte die Papierzellulose aus Holz einfacher und preiswerter hergestellt werden. Für Stoffe waren Baumwolle oder Jute nun günstiger aus den englischen und niederländischen Kolonien zu beziehen. Zudem musste, wegen des Bevölkerungswachstums, die landwirtschaftliche Anbaufläche u.a. für Kartoffeln verstärkt genutzt werden. Zwar war die Kartoffel um die Mitte des 18. Jahrhunderts hier schon eingeführt, ihren Siegeszug trat sie aber erst nach der französischen Revolution an.8
Außerdem kam für seine wirtschaftliche Bedeutung erschwerend die im Saargebiet zunehmende Zahl von Eisenhütten und Gruben hinzu, die die Landwirtschaft als wichtigsten Wirtschaftsfaktor verdrängten. Es gelang aber dem Hanf, sich noch lange seinen Platz in der Landwirtschaft bzw. als Gartengewächs zur Selbstversorgung zu bewahren.

Aus einem Bericht des Landratsamtes Saarlouis von 1819 an die Regierung in Trier ist zu lesen, dass im „hiesigen Kreis viel Hanf gebaut wird“ und man um die Bewilligung von Mitteln bittet, um eine „Hanf-Brech-Maschine“ anzuschaffen. Aus einer Aufstellung aus dem Jahre 1871 folgend, wurden in den Kreisen Merzig, Saarlouis und Saarbrücken zusammen 1202 Morgen Hanffeld angebaut. Gemeinden mit Spitzenanbauflächen waren Losheim mit 198 Morgen, Lebach mit 80, Bettingen mit 74 und Fraulautern mit 33 Morgen. (1 Morgen = 25 ar). Vergleichsweise gering war die Bedeutung von Flachs. Seine Anbaufläche betrug zur gleichen Zeit lediglich 323 Morgen.9

Aber der Niedergang des Hanfs war nicht mehr zu stoppen. Über eine Landwirtschafs-Ausstellung in Saarlouis im Jahre 1908 war nur noch von Hanfsamen und –pflanzen berichtet worden. Eine Statistik vom Anfang der 30er Jahren, weist für Hanf und Flachs zusammen lediglich noch 8 Hektar Anbaufläche im gesamten Saargebiet aus.10 Hanf hatte als Grundlage für Kleidung, Öle und Papier seine Bedeutung restlos verloren. Das konnten auch zwei Weltkriege nicht ändern, in denen Hanf eine kurze Renaissance als Baumwollersatz, als Ölträger für die Fettindustrie, als Hanfkuchen für die Futtermittelwirtschaft und für andere Zwecke erlebte. Deutschland von den Rohstoff-Weltmärkten abgeschnitten, benötigte dringend Produkte aus Hanf, um seine sinnlose Kriegsabenteuer umzusetzen.
Nach 1945 wurde der Anbau aufgegeben.

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Quellen
1. "Einrichtung und Besitzstand eines saarländischen Kleinbauern 1782" in: "Geschichte und Landschaft" Heimatblätter der Saarbrücker Zeitung, Nr. 85, 1967
2. Jürgen Karbach: "Die Bauernwirtschaften des Fürstentums Nassau-Saarbrücken im 18. Jahrhundert", Saarbrücken 1977
3. Zeitschrift für die Geschichte der Saargegend, 33. Jahrgang 1985
4. Ebenda
5. Vera Bernáth: "Landwirtschaftliche Spezialkulturen im mittleren Saartal", Saarbrücken 1965
6. Sverre Arstad in: "Saarheimat", 2. Jahrgang, Heft 2, Saarbrücken 1958
7. Ludwig Eid: "Marianne von der Leyen - Leben, Staat, Wirken", Saarbrücken 1937
8. Ebenda
9. Vera Bernáth
10. Saarwirtschaftsstatistik, Heft 6 für das Jahr 1932, Saarbrücken 1933

Literatur
1. Bernhard Schmitt in: "Saarheimat", 9. Jahrhang, Heft 10, Saarbrücken 1965
2. Flurnamenkartei, Sammlung Franz-Jakob Konblauch im Stadtarchiv Völklingen
3. "Arbeitsziele der deutschen Landwirtschaft nach dem Kriege", Berlin 1918



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